2019-04-05_sn_volksbegehren_rettet-die-bienen_in-bayern-erfolgreich_klein.jpgGeht es um die Beantwortung herausfordernder Zukunftsfragen*, die uns alle betreffen, dann geraten wir mit unserem Hausverstand bald an unsere Grenzen.

Mitunter braucht es dann Weckrufe wie jene der No-Billag-Initiative zur Abschaffung der Rundfunkgebühren in der Schweiz, um motiviert zu werden für die Suche nach den besseren Antworten. Weil die Diskussion nach dem Start dieses Volksbegehrens „im besten Sinn aufklärerisch“ war, konnte sie mit 71 % Stimmenanteil abgewehrt werden. Allerdings lösen nicht alle Themen, die vielen Menschen in einem Land unter den Nägeln brennen, eine bundesweite Debatte aus, die am Ende zum Erfolg führt.

Daher wird es in einzelnen Fällen unzweckmäßig sein, sich auf die Forderung von Paul Collier zu beschränken: „Wir müssen eine kritische Masse ethischer Bürger hervorbringen.“ (Sozialer Kapitalismus!, S 137) Denn auch diese wird nicht jedes Mal aus ihrem Tiefschlaf erwachen, wenn die Themen zwar zahlreich, aber jeweils „nur“ Wenige betreffen. 2019-04-12_ksoe_solidaritaet_Um den  Zusammenhalt in unseren Gesellschaften auf Dauer zu gewährleisten und aus Gründen der Mitmenschlichkeit bleibt daher unsere (rechtlich gesicherte) Solidarität auch in Zukunft gefragt, zum Beispiel im Rahmen einer „Demokratie zum Anfassen.“

Solidarität – Macht – Aufgeklärtes Leben

Gerade in nationalen Angelegenheiten spielt Aufklärung eine besondere Rolle, um NOT-wendige Entwicklungen voranzubringen. Peter Filzmaier spricht von einem „generell mangelnden Demokratiebewusstsein in Österreich„. Michael Hampe gemäß ist es die „aufgeklärte Kultur“, die „noch wichtiger sei für das gute Zusammenleben der Menschen als die konkrete Regierungsform“ (Eva Weber-Guskar). In ihrer Rezension zu seinem Buch „Die Dritte Aufklärung“ meint Kirstin Breitenfellner: „Bei der derzeitigen Krise handelt es sich seiner Meinung nach nicht um eine der Demokratie, sondern der aufgeklärten Kultur. Diese zieht Argumente der Gewalt** vor, duldet Kritik, fördert Mündigkeit und Toleranz und sucht Wahrhaftigkeit in der Öffentlichkeit, denn ‚ein aufgeklärtes Leben ohne Solidarität, ohne eine Basis geteilter Wahrheiten ist unmöglich'“ (Falter 15/19, S 33).

Thematisch zusammengefasst geht es um eine gemeinsame Suche nach Antworten auf diese beiden Fragen:

Wichtig für unseren Erfolg ist, sich zuerst einmal dafür zu interessieren und dann auch daran zu glauben, dass wir gemeinsam Fortschritte erzielen werden. Eine einzige Podiumsdiskussion wird üblicherweise nicht ausreichen, denn die kulturelle Weiterentwicklung ist eine never ending story. Darüber hinaus gilt das Wort von Hermann Hesse, wonach es mit uns rasch zu Ende wäre, wenn unsere Spiele „das lebendig pulsierende Leben, die geistige Aktualität und Interessantheit vermissen“ ließen.***

Netz-Werken

Um die Nachhaltigkeit unserer Bemühungen zu gewährleisten, bedarf es darüber hinaus eines koordinierten Austauschs über die in den Gesprächen gewonnenen Erkenntnisse und deren Abänderungs- oder Erweiterungsvorschläge, um sie schließlich bei Bedarf auch zur Wahl zu stellen. Vergleichbar ist diese Vorgehensweise mit jener bei regionalen Konventen, wobei es bei den oben gestellten Fragen jedoch vorwiegend um nationale Themen geht. Weil diese aber zumeist weit weg von den unmittelbaren Sorgen und Nöten der Menschen wahrgenommen werden, sind sie für die breite Auseinandersetzung im Rahmen eines zeitlich und räumlich gestreuten Dialogforums nicht immer optimal geeignet. Auf die Aktualität ist daher besonders zu achten.

Motivation

Die Komplexität von wirtschafts- und sozialpolitischen Themen auf nationaler Ebene verstehen zu wollen, muss auch nicht das erste Ziel sein, um Menschen auf Dauer für den Dialog zu interessieren.

2019-04-17_SN_Buergerdebatten_Macron_vorgegebene-Themen
Die Beteiligung mündiger Bürgerinnen und Bürger an der gemeinsamen Suche nach Antworten auf drängende Fragen zeitlich in ein einmaliges und enges Korsett zu pressen ist keine Dauerlösung.

Auch wenn die Auswirkungen einer zunehmend restriktiveren Sozial- und Wirtschaftspolitik immer spürbarer werden, darf der Erfahrungsaustausch – durchaus nach dem Vorbild der Agora – an erster Stelle stehen. Danach könnten wir uns fragen, was auf politischer Ebene zu tun ist, wenn beispielsweise die jüngeren unter uns nicht mehr daran glauben, dass sie es im Vergleich zu ihren Eltern einmal besser haben werden. Diesbezüglich ist das Ergebnis einer Umfrage unter den 16- bis 26-Jährigen in sieben europäischen Ländern erschütternd: „In Großbritannien und Spanien glaubt nur jeder Vierte, dass es der eigenen Generation besser gehen wird als den Eltern.“ Wen wundert’s aber auch, wenn mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen im Niedriglohnsektor arbeiten (müssen!). Daran wird sich ohne sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen so schnell nichts ändern.

Dialogforum

Was können wir also tun, um das Schlimmste von uns abzuwenden und das für uns Bessere zu erreichen? In puncto Abwehr von Ideologien, die bei „erfolgreicher“ Anwendung unsere liberalen Demokratien bedrohen, meint Ágnes Heller: „Es geht darum, eine starke Geschichte zu erzählen!“ Was abseits von Benefizgalas und Aufrufen zu Geldspenden noch fehlt sind beispielsweise regionale Zusammenkünfte und jede einzelne der dabei geäußerten Wortspenden, die zum Aufbau eines gelingenden Großen und Ganzen im Zeichen der Volkssouveränität nach Ágnes Heller beitragen. Soll heißen: Wir müssen Tacheles reden, landauf, landab. Mit allen, die an einem Dialog interessiert sind.

Für alle anderen gibt es immerhin noch die Möglichkeit, ökosozial engagierte Fairtreter*innen in eine selbstverwaltete Gemeinwohlregierung zu wählen (vgl. SommerSonnenWahl).

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Linkhinweis: Fehlendes VertrauenHeiner Bielefeldt nimmt die Religionen mit ins gemeinsame Boot der Verantwortung dafür, „dass niemand unter die Räder kommt.“ Denn: „Religionen waren an der Entstehung der Krise beteiligt, jetzt sollen sie auch helfen, die Folgen zu tragen“.


*) Ausgewählte Beispiele für Zukunftsfragen, die uns alle betreffen:
Ist unsere Bildung zukunftsfit? (siehe auch „Inklusion“ oder Bildung als „Frage der Gerechtigkeit
Was ist zu tun, wenn die Mittelschicht das sozioökonomische System immer öfter als unfair empfindet? (siehe auch Artikel in der WeLT oder in DER STANDARD)

**) Was Michael Hampe u. a. unter „Gewalt“ versteht, lässt sich im ersten Absatz der oben erwähnten Buchbesprechung von Kirstin Breitenfellner erahnen: „Michael Hampe macht sich Sorgen, denn vieles aus dem derzeitigen politischen Diskurs kommt ihm bekannt vor: ‚Wut auf ein vielfältiges, freiheitliches Leben, die um sich greifende Intellektuellen- und Medienschelte, die Verachtung für eigentlich funktionierende staatliche Institutionen – das hat es alles schon einmal gegeben‘, und zwar in den 1930er-Jahren, die bekanntlich in einem Desaster endeten.“ An dieser Stelle sei noch der vorletzte Absatz erwähnt, in dem sie schreibt: „Wie alle menschlichen Projekte war auch die letzte Aufklärung ambivalent: obwohl mit großen Illusionen verbunden, hat sie nie dagewesene Errungenschaften gezeitigt. Aber diese müssten, so Hampe, in jeder Generation neu erarbeitet werden. Dazu gelte es, sich von allen Formen mystischen Geschichtsdenkens zu verabschieden, von Verschwörungstheorien sowie von der ‚Pseudoreligion universaler Konkurrenz.'“

***) Das erwähnte Zitat von Hermann Hesse ist dessen Roman „Das Glasperlenspiel“ entnommen. Es steht in folgendem Kontext: „Stellen wir uns einmal vor, wir Spieler würden einige Zeit mit geringerem Eifer arbeiten, die Spielkurse für Anfänger würden langweiliger und oberflächlicher, in den Spielen für Fortgeschrittene würden die Fachgelehrten das lebendig pulsierende Leben, die geistige Aktualität und Interessantheit vermissen, unser großes Jahresziel würde zwei-, dreimal nacheinander von den Gästen als leere Zeremonie, als unlebendig, als altmodisch, als zopfisches Relikt der Vergangenheit empfunden – wie rasch wäre es da mit dem Spiel und mit uns zu Ende!“ [ISBN 978-3-518-36579-3, S 253]

Exkurs

In seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer?“ macht uns Rainer Mausfeld auf verschiedene Aspekte rund um unsere „Aufgeklärtheit“ aufmerksam:

„Die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Fakten wird wesentlich durch die Massenmedien vermittelt, die neben den Fakten in der Regel auch den gewünschten Interpretationskontext und damit das ‚politische Weltbild‘ vermitteln. Das Thema gehört also zu unserem gesellschaftlichen Lebensalltag und geht uns alle an. Die Fragen, die sich hierbei stellen, sind grundlegender und zumeist recht elementarer Natur. Für die Auseinandersetzung mit ihnen benötigt man kein Expertenwissen, auch wenn die herrschenden Eliten sich bemühen, Diskurse über derartige Themen auf Gruppen ‚geeigneter Experten‘ zu beschränken. Für Themen, die uns alle als Citoyens angehen, also als Bürger, die sich im Geiste der Aufklärung um die Gestaltung unseres Gemeinwesens bemühen, sind wir von Natur aus mit einem natürlichen Vermögen unseres Geistes ausgestattet, einem ‚Licht der Vernunft‘ – einem lumen naturale, wie man es in der Aufklärung nannte. Den wesentlichen Kern der Fragen, um die es bei unseren Themen geht, können wir also auch ohne eine Spezialistenausbildung behandeln.“

Soweit zum Grundsätzlichen, oder: Worüber sollten wir uns deiner Meinung nach informieren, dann darüber austauschen, um schließlich entsprechend fundiert handeln zu können?


Die Inhalte dieser Webseite vom 2019-04-17 zum Download als pdf-Datei

 

 

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